Einleitung
Führung – kaum ein anderes Wort wird so häufig benutzt und gleichzeitig so unterschiedlich verstanden. Viele verbinden Führung mit Hierarchie, Macht oder Positionen. Wer eine Amtsbezeichnung trägt oder eine große Organisation leitet, gilt automatisch als Führungskraft. Doch echte Führung entsteht nicht durch einen Titel auf einer Visitenkarte. Führung ist kein Status, den man einmal erreicht und dann automatisch ausfüllt. Führung ist vor allem eine innere Haltung – und diese Haltung entscheidet darüber, ob Menschen dir folgen oder nicht.
Gerade heute, in Zeiten von Unsicherheit, Krisen und Veränderungen, sehnen sich Menschen nach Orientierung. Sie wollen jemanden, der Verantwortung übernimmt, Klarheit ausstrahlt und durch Haltung Verlässlichkeit gibt. Wer führt, prägt nicht nur Entscheidungen, sondern auch die Kultur eines Teams, einer Verwaltung, eines Unternehmens oder gar einer ganzen Stadt.
In diesem Artikel zeige ich, warum Führung immer mit Verantwortung beginnt, wie Haltung auch in schwierigen Momenten Orientierung gibt und weshalb Präsenz entscheidend ist, wenn man Wirkung entfalten will. Dabei teile ich meine eigenen Erfahrungen aus Ballettinternat, Polizeidienst, Kommunalpolitik und als Oberbürgermeister – sowie die Einsichten, die ich in einer großen bundesweiten TV-Dokumentation gewonnen habe, bei der Millionen Menschen zusehen konnten, wie Führung aus einer anderen Perspektive erlebbar wurde.
1. Führung ist mehr als ein Titel
Wer Führung auf einen Titel reduziert, übersieht das Wesentliche. Denn Menschen folgen nicht, weil auf einer Tür „Leitung“ steht, sondern weil sie in einer Person Klarheit und Verlässlichkeit erkennen. Führung heißt, Entscheidungen verständlich zu erklären, Zusammenhänge aufzuzeigen und auch dann zu handeln, wenn es unbequem ist.
Viele Führungskräfte erleben den Widerspruch: Formal haben sie Macht, aber sie spüren, dass ihnen niemand wirklich folgt. Der Grund ist einfach: Echte Führung entsteht im Vertrauen. Vertrauen wiederum wächst, wenn Menschen merken, dass du nicht für deine eigene Karriere, sondern für die gemeinsame Sache stehst.
In Verwaltungen etwa spielt das eine enorme Rolle. Mitarbeitende folgen nicht, weil jemand Oberbürgermeister oder Amtsleiter heißt, sondern weil sie spüren: Diese Person nimmt mich ernst, hört mir zu, entscheidet klar und steht auch in schwierigen Zeiten zu dem, was sie sagt.
2. Verantwortung als Kern echter Führung
Verantwortung ist das Herzstück jeder Führung. Verantwortung heißt, nicht auszuweichen, sondern zu den eigenen Entscheidungen zu stehen – auch wenn sie später Kritik auslösen. Verantwortung bedeutet, die Folgen mitzutragen, auch wenn es unbequem ist.
Viele unterschätzen, wie entlastend es für Mitarbeitende ist, wenn eine Führungskraft klar sagt: „Ich übernehme die Verantwortung.“ In meinen Jahren als Oberbürgermeister habe ich erlebt, wie stark das wirkt. In kritischen Situationen, sei es bei Krisenstäben, Haushaltsentscheidungen oder Bürgerdialogen, suchen Menschen nicht nach perfekten Antworten. Sie suchen jemanden, der Verantwortung übernimmt, die Lage einordnet und Entscheidungen trifft.
Verantwortung ist nicht delegierbar. Man kann Aufgaben verteilen, man kann Kompetenzen übertragen – aber die Verantwortung bleibt bei der Führungskraft. Das gilt im Rathaus ebenso wie im Verein oder in einem Unternehmen.
3. Haltung zeigen – auch wenn es unbequem ist
Haltung ist mehr als Meinung. Haltung ist die Summe aus Werten, Prinzipien und der Bereitschaft, für diese einzustehen – auch wenn der Gegenwind stark ist.
In meiner Zeit bei der Polizei habe ich gelernt, dass Haltung in angespannten Situationen den Unterschied macht. Wenn es unübersichtlich wurde, wenn Emotionen hochkochten, dann entschieden Haltung und Klarheit darüber, ob Vertrauen blieb oder verlorenging.
Auch in der Politik ist Haltung unverzichtbar. Wer nur danach schaut, was populär ist, verliert Glaubwürdigkeit. Menschen spüren sehr schnell, ob jemand wirklich zu seinen Werten steht oder ob er sie aus Opportunität verschiebt. Haltung ist das Fundament, auf dem Führung ruht. Ohne Haltung bleibt Führung leer.
Gerade in der Kommunalpolitik, wo Entscheidungen unmittelbar Auswirkungen auf das Leben der Menschen haben, ist Haltung keine Kür, sondern Pflicht. Sie bedeutet: Auch dann standhaft bleiben, wenn es unbequem ist. Auch dann transparent bleiben, wenn es einfacher wäre, Dinge zu verschweigen.
4. Präsenz als Schlüssel zur Wirkung
Präsenz bedeutet, spürbar zu sein – nicht laut, nicht aufdringlich, sondern klar und authentisch. Menschen merken sofort, ob eine Führungskraft „da“ ist oder nur physisch anwesend. Präsenz entsteht durch Blickkontakt, durch Sprache, durch Körpersprache, aber auch durch innere Klarheit.
Ich erinnere mich an viele Sitzungen, in denen es nicht die klügste Analyse war, die Menschen überzeugte, sondern die Präsenz, mit der jemand sprach. Wenn Haltung und Klarheit zusammenkommen, entsteht Präsenz – und diese Präsenz schafft Vertrauen.
Präsenz ist trainierbar. Wer sich bewusst macht, wie er einen Raum betritt, wie er spricht und welche Botschaften er vermittelt, kann seine Wirkung erheblich steigern. Präsenz ist kein Schauspiel, sondern das sichtbare Ergebnis innerer Haltung.
5. Führung in Zeiten des Wandels
Unsere Zeit ist geprägt von Wandel: Digitalisierung, demografische Veränderungen, gesellschaftliche Umbrüche, Klimakrise. Für Verwaltungen, Unternehmen und Vereine bedeutet das: Führung muss Veränderung gestalten, nicht nur verwalten.
In meinen Jahren als Oberbürgermeister habe ich erlebt, wie wichtig klare Kommunikation in Veränderungsprozessen ist. Menschen brauchen Orientierung, wenn Strukturen sich verändern, wenn neue Technologien eingeführt werden oder wenn finanzielle Engpässe harte Entscheidungen erzwingen.
Gerade in Verwaltungen gilt: Wandel gelingt nur, wenn Führungskräfte Klarheit schaffen, Haltung zeigen und Verantwortung übernehmen. Andernfalls wächst Verunsicherung. Und Verunsicherung ist der größte Gegner jeder Veränderung.
Auch in Unternehmen und Vereinen gilt dasselbe Prinzip: Wer Wandel nur als Bedrohung kommuniziert, verliert die Menschen. Wer Wandel als Chance begreift und Haltung zeigt, kann Vertrauen gewinnen – auch wenn es schwierig wird.
6. Meine persönlichen Erfahrungen
Mein eigener Weg hat mir die Bedeutung von Führung, Verantwortung und Haltung immer wieder vor Augen geführt.
– Ballettinternat: Mit zwölf Jahren an der renommierten John-Cranko-Schule in Stuttgart lernte ich Disziplin und Durchhaltevermögen. Eine Verletzung beendete diesen Weg abrupt – und zwang mich, neu Verantwortung für meinen Lebensweg zu übernehmen.
– Polizei: Im Streifendienst, später in der Drogenfahndung und als Personenschützer habe ich erlebt, wie wichtig Haltung und Vertrauen sind, wenn es ernst wird. Uniformen schaffen Distanz – doch Führung bedeutet Nähe.
– Kommunalpolitik: Mit 31 Jahren wurde ich Bürgermeister in Epfendorf, später Oberbürgermeister in Pforzheim. Hier lernte ich: Führung heißt, auch unter Beobachtung klar zu bleiben, Mehrheiten zu organisieren und Verantwortung für über 3.000 Mitarbeitende zu tragen.
– Bundesweite TV-Dokumentation: Besonders eindrücklich war für mich die Gelegenheit, im Rahmen einer großen Fernsehdokumentation inkognito in meiner eigenen Verwaltung zu arbeiten. Millionen Menschen konnten mitverfolgen, wie ich die Perspektive meiner Mitarbeitenden einnahm. Diese Erfahrung hat mir gezeigt: Führung funktioniert nicht über ein Amt, sondern über Nähe, Vertrauen und gelebte Haltung.
Alle diese Stationen haben mich geprägt. Sie haben mir gezeigt, dass Führung nie fertig ist – sondern ein tägliches Ringen um Klarheit, Haltung und Verantwortung.
7. Praxisnahe Impulse für Führungskräfte
Aus meinen Erfahrungen habe ich einige Leitsätze entwickelt, die ich auch in meinen Masterclasses weitergebe:
– Führung beginnt bei dir selbst. Wer sich selbst nicht führen kann, wird andere nicht inspirieren.
– Klarheit schlägt Komplexität. Menschen wollen verständliche Botschaften, keine endlosen Analysen.
– Haltung gibt Orientierung. Gerade in Krisen ist es wichtiger, standhaft zu bleiben, als alle Antworten parat zu haben.
– Präsenz ist spürbare Haltung. Sei authentisch, sei da – Menschen merken sofort, ob du es ernst meinst.
– Verantwortung ist nicht delegierbar. Triff Entscheidungen, erkläre sie, stehe dazu.
Diese Impulse sind einfach – aber in der Umsetzung fordernd. Und genau das macht Führung aus: Sie ist kein theoretisches Konzept, sondern tägliche Praxis.
Schluss
Führung ist kein einmaliger Akt, keine Urkunde und kein Titel. Führung ist eine Haltung, die täglich gelebt werden muss. Wer führt, übernimmt Verantwortung. Wer Haltung zeigt, gewinnt Vertrauen. Wer Präsenz ausstrahlt, schafft Wirkung.
Gerade in Zeiten des Wandels brauchen wir Führungskräfte, die Klarheit geben, Verantwortung tragen und Haltung zeigen. Ob in Verwaltungen, Unternehmen oder Vereinen – überall gilt: Führung ist die Kunst, Menschen Orientierung zu geben.
Wenn dich diese Gedanken ansprechen, lade ich dich ein, dich intensiver mit den Themen Klarheit, Haltung und Präsenz zu beschäftigen. Denn am Ende gilt: Führung ist kein Privileg – Führung ist eine Haltung, die uns alle betrifft.